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Das Flüstern der Schatten
Verlierer des Booms - Arbeitsschutz in China PDF Drucken E-Mail

Der einsame Kampf für Chinas Fabrik-Krüppel


China gilt als Wirtschaftsmacht der Zukunft. Nicht nur die Bevölkerungszahl, sondern auch das Brutto-Inlandsprodukt wächst und wächst. Aus Europa und Nordamerika blicken viele Unternehmen teils mit Hochachtung, teils mit Neid nach China. Doch die geringen Lohnkosten haben auch ihre Schattenseiten: In China ist es mit Regelungen, die Arbeiter vor Unfällen schützen, nicht weit her. Und wenn einmal ein Unfall passiert ist, stehen die Betroffenen erst recht alleine da


Anwalt Zhou Litai ist der Engel der Wanderarbeiter. Bei ihm landen die Verlierer des Wirtschaftsbooms: Arbeiter, denen Maschinen Hände oder Arme abgerissen haben. Die Firmen scheren sich nicht um Arbeitsschutz und schon gar nicht um Entschädigungen. Zhou kämpft für die Rechtlosen auch gegen die Regierung, die seine Arbeit behindert, wo es geht. Denn auf das Licht des Aufschwungs soll kein Schatten des Elends fallen. Und wenn er Erfolg hat, zahlen manche Mandanten das Honorar an ihn nicht. Moral ist ein Fremdwort auf allen Seiten.

Im seinem kleinen Büro im südchinesischen Chongquing herrscht die alltägliche Hektik. Zhou ist die letzte Instanz für Wanderarbeiter, Bauern, Behördenopfer, Kranke und Krüppel. Hoffnungslose, denen sonst keiner hilft, sind seine Mandanten.

Draußen im Flur warten die nächsten - schon seit Stunden. Sie sind teilweise von weit her gekommen. Ihre Papiere künden von Lohnraub, Arbeitsunfällen und Behördenwillkür im Land des ungezügelten Booms. "Anwalt Zhou steht für Gerechtigkeit, und er ist unglaublich fähig", sagt einer von ihnen. "Ich weiß nicht, warum er so mutig ist, aber er wagt es, die Dinge beim Namen zu nennen und für uns zu kämpfen."

2000 Fälle - gleichzeitig in BearbeitungEin junger Mann, Opfer eines furchtbaren Arbeitsunfalls, wird von seiner Mutter vorgeführt. Platz für Intimität gibt es dabei nicht, die anderen Arbeiter schauen zu. Zhou Jian wurden beide Arme vom ungesicherten Förderband einer kleinen Ziegelfabrik abgerissen. Vor dem Unfall bekam er 18 Euro im Monat. Nun kämpft er seit Jahren vergeblich um eine angemessene Entschädigung.


Anwalt Zhou nimmt auch diesen Fall zu den 2000 anderen, die er zur Zeit bearbeitet. "Das wird bestimmt schwierig und dauert Jahre", sagt der dankbare Zhou Jian. "Ich brauche neue Prothesen für beide Arme. Und die sind teuer. Ich bin froh, dass Anwalt Zhou meinen Fall überhaupt übernimmt. Kein anderer Anwalt wäre dazu bereit."

Hinzu kommt, dass Anwalt Zhou Litai Erfolg hat: "Ich hab schon einiges erreicht in den letzten Jahren", berichtet er. "Früher gab es für einen ausgerissenen Arm vielleicht 30.000 Yuan - das sind 3000 Euro. Heute kann man mit mindestens dem Zehnfachen rechnen."

11.000 statt 2000 Euro für eine zerstörte HandEin weiterer Fall ist der 27-jährige Zhang Nan. Er hatte in einer Fabrik für Motorradteile gearbeitet. Dann erlitt auch er einen schweren Arbeitsunfall: "Die Stanze, die keine Sicherung hatte, sauste plötzlich auf meine Hand, zerschnitt sie", erzählt er und zeigt seine Hand, die wie leblos herunterhängt. "Im Krankenhaus nähten sie alles wieder zusammen. Die Firma gab mir umgerechnet 2000 Euro und sagte, alles werde schon wieder gut. Aber jetzt weiß ich: Meine Hand kann ich nie wieder bewegen."

In seinem südchinesischen Heimatdorf Xin He lebt er jetzt arbeitslos bei den Eltern und dem 83-jährigen Großvater. Und alle singen sie das hohe Lied auf Anwalt Zhou: "Rechtsanwalt Zhou hat wenigstens 110.000 Yuan, also 11.000 Euro für unsern Sohn rausgeholt. Dafür sind wir ihm unendlich dankbar", sagt der Vater Zhang Wie Zhou.

Weil er die Masse der Fälle anders nicht bewältigen kann, beschäftigt Zhou Litai noch 14 blutjunge Anwälte. Alle sind Anfänger. Nur 200 Euro im Monat kann Zhou ihnen zahlen, deshalb sind viele ganz schnell wieder weg. Seine Mandanten haben in der Regel nichts. Und so kassiert Zhou grundsätzlich nur, wenn er gewinnt. Für Zhou Litais Mitarbeiter gibt es karges Essen mit wenig Fleisch. Außerdem bietet er seinen Angestellten auch Logis in den runtergekommenen Zimmern der Kanzlei. Der Kampf für die ganz unten in China wirft wenig ab.

"Ende vorigen Jahres konnte ich meinen Anwälten kein Geld mehr geben. Schon sechs mal wurde uns das Telefon abgeklemmt, weil wir die Rechnungen nicht bezahlt hatten", berichtet Zhou. "Ich musste mich vor der Hausverwaltung verstecken, weil ich auch der Geld schuldete, und die Bank verklagte mich auf rückständige Zinszahlungen."

Arbeitsbedingungen wie im MittelalterIn seine Kanzlei im 13. Stock eines Hochhauses wartet bereits der nächste Klient: Wan Yu Cai arbeitete in einer Gipsfabrik, verdiente dort 30 Euro pro Monat - bis sein Bein in das Mahlwerk geriet und abgerissen wurde.


Für die Entschädigungsklage will Zhou sich ansehen, wo und wie dieser schreckliche Unfall passiert ist. Über drei Stunden dauert die Autofahrt über Schotterpisten, bis wir am Unfallort ankommen. Ein Assistent hält alles mit versteckter Kamera fest. Die Gipsfabrik ist eine unvorstellbar primitive Produktionsstätte; heruntergekommen, ohne den geringsten Arbeitsschutz - wie vielerorts in China. In so einer Fabrik, erzählt uns Anwalt Zhou hinterher, hatte er gearbeitet, bevor er im Selbststudium die Juristerei erlernte.

"Da oben", sagt Yu Cai und zeigt auf eine Maschine, "ist es passiert. Aber da komme ich mit meinen Krücken nicht mehr hin." Der Schacht mit der Mahlschnecke, die das Bein zerquetscht hatte, ist inzwischen abgedeckt. "Früher", tönt der Vorarbeiter fast fröhlich, "war das hier offen. Da ist auch schon einem anderen das Bein abgerissen worden." Anwalt Zhou Litai hat für seinen Prozess die Beweise und Aussagen, die er braucht.

Behinderung mit allen MittelnDerweil sitzen im Büro eines der Angestellten von Zhou Litai mehrere Arbeiter. Sie fühlen sich übervorteilt und beklagen sich, dass sie zu wenig Lohn erhalten. Der junge Jurist solle bitte prüfen, ob man dagegen klagen kann.

Zhou Litai und seinen Anwälten wird ihre Arbeit alles andere als leicht gemacht. "Ich stehe unter starkem Druck. Regierung und Unternehmer hassen mich", berichtet er. "Sie bedrohen mich immer wieder. Wenn ich Prozesse gewonnen habe, stiften sie die Mandanten an, wegzulaufen, damit ich kein Honorar mehr kassieren kann. So soll ich ausgehungert werden."

Zhou sammelt Fotos von Mandanten, deren Prozesse er gewonnen hat, von denen viele aber nicht bezahlt haben. 600 sind es insgesamt, der Schaden beträgt umgerechnet 500.000 Euro. "Das Schlimmste passierte mir in Shenzhen", erinnert sich der Anwalt und man merkt, wie sehr ihn das Erlebnis noch heute aufregt. "Da bedrängte die Stadt-Regierung das dortige Gericht, etwa 100 verschiedene Fälle, die ich vertrat, zusammenzufassen und an einem Tag zu entscheiden. Alle Urteile gegen mich, damit ich kein Geld bekommen konnte."

Dann - und davon gibt es Video-Aufnahmen - wurden die Mandanten in einen Raum gebeten, bekamen von der Stadtregierung Geschenke und in Umschlägen genau die Summen, die Zhou vor Gericht für sie gefordert hatte. Aber offiziell waren die Prozesse verloren. Der Anwalt ging leer aus. Seine Mandanten bekamen dagegen sogar noch jeder zusätzlich 400 Yuan für die Heimfahrt.

Zhou Litai sagt offen, in einer würdelosen Gesellschaft widerten ihn manchmal auch seine Mandanten an. Aber er werde weitermachen, auch um der Gesellschaft ein Stück Würde zu geben.

(Quelle:  Tagesschau)

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